If I were a rich man…

Anmerkungen zur Reichtumsdebatte

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Vor 57 Jahren startete mit dem Musical „Fiddler on the roof“ ein legendäres Stück seine internationale Karriere: „If I were a rich man“. Die Musical-Hauptfigur Tevye sang diesen Song der Sehnsucht und zahlreiche Interpreten folgten, Chaim Topol stand 1967 mit seiner Film-Version des Liedes 20 Wochen in den englischen Top-10-Charts. Der Text ist ungefähr so, wie ein typisches Familienspiel: „Was würdest du machen, wenn du im Lotto gewinnst?“

Der Traum vom Reichtum ist höchst lebendig: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach spielen rund 7,3 Millionen Bundesbürger regelmäßig Lotto oder Toto, weit über 21 Millionen spielen immerhin gelegentlich. Warum spielen sie, wenn sie nicht vom Reichtum träumen?

Tausende von Startups werkeln in Deutschland für den großen Traum. „Wer reich werden will, muss Unternehmer werden“, so Thomas Rüschen vom Family Office Deutsche Oppenheim vor einiger Zeit in der Sonntags-FAZ.

Diese Realität steht irgendwie so ganz im Gegensatz zu der aktuellen politischen Diskussion, in der die Reichen immer die Bösen sind. Dabei wird jede Woche ein Deutscher Lotto-Millionär. Manche gewinnen sogar den Jackpot und sacken 20 oder 30 Millionen Euro ein. Steuerfrei wohlgemerkt. Das muss wohl mit dem Lotto-Monopol der Bundesländer zusammenhängen, die sich mit ihren Lottogesellschaften sprudelnde Einnahmen sichern.

Ich gönne den Reichen und auch den Superreichen ihren Reichtum, natürlich nur, sofern er nicht durch kriminelle Machenschaften entstanden ist. Viele tun Gutes mit ihren Stiftungen – Beispiel Bertelsmann. Der Bau ihrer Luxusyachten – Beispiel Schrauben-Würth – schafft Arbeitsplätze. Ihre unternehmerischen Beteiligungen – Beispiel Frank Thelen – helfen neue Unternehmen zu gründen oder erfolgreichen Unternehmen eine Zukunftsperspektive zu geben. Superreiche können superleicht ihren Wohnsitz ins Ausland verlagern. Ich plädiere dafür, sie hier zu behalten.

SPD, Linke und Grüne wollen die hohen Einkommen stärker besteuern und die Einnahmen umverteilen. Der Spitzensteuersatz trifft dann schon Beschäftigte, die das dreifache des durchnittlichen Gehaltes verdienen. 1965 musste man das 18fache dafür verdienen. Das Thema „Soziale Gerechtigkeit“ steht in den Umfragen auf der Themenliste ganz oben. Das soll nun von einer linken Mehrheit mit Steuererhöhungen und Geschenken kompensiert werden. Die in den Wahlprogrammen propagierte Steuerbelastung beim Einkommen hat das Handelsblatt auf Basis von Berechnungen des ZEW-Institutes sehr übersichtlich dargestellt: https://bit.ly/3nMPMW7 Für mich sind Steuererhöhungen gerade jetzt die dümmste Politik, die man machen kann. Die Corona-Krise hat zahlreiche Unternehen hart getroffen, Die Energiewende bringt hohe Stromkosten und die Umstellung ganzer Industriezweige will erst einmal verkraftet werden.

Rund 50 Prozent der deutschen Bevölkerung leben nicht von einem Arbeitseinkommen, sondern von Renten und Transferleistungen. Die andere Hälfte zahlt Lohn- und Einkommensteuer. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer, die alle bezahlen. Die Renten werden aus Steuermitteln mit etwa 100 Milliarden Euro jährlich bezuschusst, die restlichen Transfers werden im wesentlichen durch den Steuerzahler finanziert. Mit seinen Steuern und Abgaben nimmt Deutschland in Europa schon jetzt einen Spitzenplatz ein.

Soziale Gerechtigkeit – wer wäre nicht dafür? Aber was genau ist das? Bei Wikipedia heißt es: „Was genau Inhalt und Maßstab dieser Form von Gerechtigkeit sei, ist aber seit jeher umstritten und vielschichtig.“ Man kann den Begriff umfassend deuten, etwa durch Einbeziehung von Bildungsgerechtigkeit, oder verteilungspolitisch verwenden: Denen, die viel haben, nimmt man etwas weg und gibt es denen, die wenig haben. Das ist die Grundposition von SPD, Grünen und Linken. Dass wir mit unserer Sozialen Marktwirtschaft einen funktionierenden, steuer- und beitragsfinanzierten Sozialstaat haben, ist weitaus mehr als die jetzt diskutierte Umverteilung. Den Sozialstaat muss man sich leisten können. Wer Steuer- und Beitragszahler immer mehr schröpft, überschreitet irgendwann eine rote Linie. Das bedeutet nicht, dass man tatenlos zusehen muss, wie die Mieten immer weiter steigen. Statt zu enteignen, muss man Wohneigentum mit Phantasie fördern. Eigentümer sind am besten geschützt vor steigenden Mieten. In der Schweiz kann man sich z.B. aus seiner späteren Rente ein Haus finanzieren. Rainer Hank beschreibt heute in der FAS, wie Singapur eine Wohneigentumsquote von 80 Prozent erreicht hat und was man davon lernen kann.

Ich will hier nicht die Details der Besteuerung nachbeten. Dass eine Vermögensteuer die Substanz von Familienunternehmen angreift und auch bei Verlusten gezahlt werden müsste, ist hinlänglich bekannt. So enteignet man Unternehmer.

Dass für die Mehrheit der Bevölkerung Reichtum schon bei einem Vermögen von 500.000 bis 1 Million beginnt, zeigt den Unsinn der Reichtumsdebatte. Über die Hälfte der Deutschen besitzen ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung. 500.000 Euro sind da schnell erreicht.

Mal ehrlich: Was wäre, wenn es keinen Reichtum gäbe? Wir könnten nicht mehr von Reichtum träumen, hätten nichts mehr zu schreiben über die ganze Glitzerwelt der Stars und ihrer Entertainment-Industrie. Es wäre eine graue Welt – ohne Luxusautos, ohne Luxushäuser, ohne Luxusyachten, ohne Luxusmarken und vor allem: Eine Welt ohne erfolgreiche Unternehmer.

Zum Glück kann man den Reichtum nicht abschaffen. Ebensowenig wie den Traum „If I were a rich man“.

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Die mutigste Frau im ZDF

Katrin Eigendorf Foto: ZDF/Rico Rossival

Es ist an der Zeit im Zeitalter mutiger Frauen den Blick einmal auf die Frau zu richten, die seit Wochen über die Situation in Afghanistan berichtet. Ich bewundere Katrin Eigendorf für ihren unglaublichen Einsatz als internationale Korrespondentin des ZDF. Sie ist immer sachlich, selbst wenn um sie herum Taliban-Wächter mit ihren Gewehren herumfuchteln. Sie spricht mit Frauen, die sich vor den Taliban verstecken müssen, nur weil sie sich für die selbstverständlichen Rechte von Frauen eingesetzt haben. Man sieht Katrin Eigendorf an, wie sie das mitnimmt, doch pflichtbewusst berichtet sie fast täglich aus diesem inzwischen auch für Journalisten höchst gefährlichen Land. Auf Wikipedia kann man ihren spannenden Werdegang nachlesen. Es geht ihr nicht um die Politik, es geht ihr um die Menschen, denen sie begegnet. Sie ist entsetzt, wie schlecht die medizinische Versorgung in den afghanischen Krankenhäusern ist. Jetzt warnt sie vor einer bevorstehenden „schlimmen Hungerkatastrophe“ und appelliert an die internationale Gemeinschaft, zu helfen. Tatsächlich ist ja auch auf der UN-Geberkonferenz ein großes Hilfsprogramm beschlossen worden, das sie hier auf Youtube kommentiert. Respekt, Frau Eigendorf! Da kann sich mancher männliche Kollege eine Scheibe abschneiden.

Der Zug nach Nirgendwo

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Es gibt eine Gemeinsamkeit, die unsere gegenwärtige politische Lage national und international kennzeichnet. Viel wird in den Medien geschrieben, berichtet, analysiert. Politiker haben in jedem Interview eine Antwort auf jede Frage. 2030, 2040, 2050 sollen wir klimaneutral sein. Wird dann alles besser? Das ist alles noch sehr weit weg. Was passiert in der Zeit dazwischen?

In Wahrheit herrscht eine große Ratlosigkeit in unserem Land. Die Pandemie, die Flut-Katastrophe im Ahrtal, die brennenden Wälder weltweit, der bedrückende Fall Afghanistans, die Hackerangriffe, die Flüchtlingsfrage, die Autokratisierung Polens, die aggressive Destabilisierungsstrategie Putins gegen Europa, die Menschenrechtsverletzungen der expandierenden Großmacht China. Wir fühlen uns all diesen Sorgen hilflos ausgesetzt. Die politische Führung hat auf all diese brennenden Fragen keine wirklichen Antworten. Kein Wunder – spricht man mit Freunden und Bekannten hört man allenthalben: Wen soll ich wählen?

Es ist, als ob wir in einem Zug ohne Lokführer ins Ungewisse fahren. „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“, sang einst Christian Anders, und so fühlt sich die Welt heute an. Wo fange ich an? Woran kann ich diese Ratlosigkeit festmachen?

Die Corona Pandemie wird im Tauziehen zwischen Wissenschaft, Politik und Rechtsexperten zerredet. Immer dabei: Die BILDZeitung, die in einer Art Kriegsberichterstattung die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten unter Dauerfeuer hält, das Werben um Impfungen damit konterkariert und die Zahl der Zweifler wachsen lässt. Die steigenden Neuinfektionen lassen schon wieder Befürchtungen hochkommen, dass der nächste Lockdown trotz aller gegenteiligen Beteuerungen bevorsteht. Und damit wächst die Ratlosigkeit, die von Anfang an diese Pandemie kennzeichnete.

Die Flut im Ahrtal hat eine mindestens ebenso große Welle an Hilfs- und Spendenbereitschaft ausgelöst. Politiker haben sich auf einen Milliardenfonds für den Wiederaufbau geeinigt. Aber nun ist die Frage, wie sieht die Zukunft des Ahrtals aus? Kann man eine neue Flutwelle dieser Art verhindern öder wenigstens ihre Auswirkungen vermeiden? Soll man die zerstörten Häuser an gleicher Stelle aufbauen? Kann es dort jemals wieder so sein, wie es einmal war? Wo ist der Generalplan, der das alles organisiert? Es gibt ihn (noch) nicht, weil Ratlosigkeit vorherrscht. Mit dem Aufräumen ist die Zukunft noch nicht geklärt. Der Klimawandel ist allgegenwärtig. Die Flut im Ahrteil wird nicht die letzte sein. Schmelzende Gletscher, brennende Wälder, gravierende Änderungen des Golfstroms kommen wie ein Horrorszenario daher. Schaffen wir die Kehrtwende? Die Grünen versprechen es, aber Zweifel sind angebracht.

Afghanistan ist so weit weg. Die Taliban regieren wieder. Frauenunterdrückung und Sharia – der Albtraum kehrt zurück. Was haben wir am Hindukusch verteidigt? Wofür sind Soldaten dort gestorben oder verwundet worden? Die Menschen, die dort eine Vorstellung von westlichen Werten entwickelt haben, wollen das Land verlassen, wenn sie nicht schon geflüchtet sind. Die afghanischen Mitarbeiter der deutschen Standorte fürchten das Schlimmste, wenn wir sie nicht nach Deutschland lassen. Aber was hätten wir tun sollen? Als Nato-Mitglied mussten wir nach dem 11.September die Amerikaner unterstützen, um die Basis des Terrors auszuschalten. Der Versuch Afghanistan aufzurüsten, zu demokratisieren und bildungspolitisch zu entwickeln, ist gründlich gescheitert. Und als die Amerikaner sich zurückzogen, mussten auch wir die Soldaten nach Hause holen. Es lässt uns ratlos zurück.


Ich habe gerade die erste Hälfte des Weltbestsellers von Timothy Snyders gelesen „Der Weg in die Unfreiheit“, geschrieben noch in der Trump-Ära 2018. Snyders ist ein renommierter Historiker und Professor an der Yale-University. Das Buch erklärt den Aufstieg totalitärer Regime und die daraus folgende politische Katastrophe. Snyders beschreibt darin mit detaillierter Sachkenntnis, wie Putin Russland auf sich zugeschnitten hat, dabei der Philosophie des faschistischen Philosophie des Iwan Iljin folgend, wonach Russland einen Erlöser braucht, um wieder groß zu werden und alles außerhalb Russlands prinzipiell als Feind der russischen Nation eingestuft wird. Gruselig, zu lesen, dass Putin diesen skurrilen Philosophen offiziell rehabilitiert hat und seine Strategien, wie etwa die Besetzung der Krim, an ihm ausrichtet.

Wir stehen dieser aggressiven Strategie ratlos gegenüber. Die Vollendung der Gaspipeline Nordstream gehört ebenso dazu, wie die massive Beeinflussung westlicher Demokratien durch Fake-News in den sozialen Medien.. Im System Putin gibt es keine Lügen. Fiktion ist wichtiger als Fakten. Opposition wird nicht geduldet. Kaum zu glauben, aber Europa wird ernsthaft als homosexuell bestimmt wahrgenommen, wie sich laut Snyders in offiziellen Statements nachlesen lässt. Selbst in Ungarn gibt es so eine homophone Stimmung. Wir sind fassungslos. Und ratlos. In Polen untergräbt die konservative Regierungspartei Jaroslaw Kaczynskis die Unabhängigkeit der Justiz. Das zentrale Element der europäischen Einheit, die Rechtsstaatlichkeit wird damit erstmals in einem Mitgliedsland in Frage gestellt. Wie geht die EU damit um?

Und ratlos macht uns der wirtschaftliche Expansionsdrang Chinas: Nach den USA ist China unser wichtigstes Exportland mit einem Volumen von 95 Milliarden Euro. Dass China Menschenrechte verletzt, autokratisch regiert wird und sich aufrüstet, als ob ein Krieg kurz bevorsteht, wird politisch toleriert. Ein Land das sich Hongkong entgegen bestehender Verträge endgültig einverleibt hat und Taiwan permanent bedroht. Was soll man auch dagegen machen? Eine Fregatte ins südchinesische Meer schicken? Naja, ob das die Chinesen beeindruckt, wage ich zu bezweifeln. Die deutsche Autoindustrie und der Maschinenbau würden in ein tiefes Loch fallen, wenn man Exporte von Menschenrechten abhängig machte. Aber wie wehren wir uns gegen die offensichtlich auch aus China gesteuerten Hacker-Angriffe, die uns wirklich ins Mark treffen können. Wie machen wir unsere sensiblen Bereiche sicher vor solchen Angriffen, wo immer sie herkommen? Wir wissen es nicht.

Am 26.September sind Bundestagswahlen. Wen interessiert angesichts solcher Dimensionen die Diskussion über Gendersprache, die Erhöhung des Mindestlohns oder die Einführung einer Vermögensteuer? Was wir brauchen, ist eine mit den Nato-Partnern und EU-Mitgliedern abgestimmte globale Strategie zu all diesen Fragestellungen. Eine Guideline für unser Verhalten gegen Aggressoren und in Krisensituationen. Neue Bündnisse, die ihren Namen verdienen. Eine klare Sprache, die sich dem Bösen in der Welt kraftvoll und konsequent entgegenstellt.

Welcher der Kandidaten hat Antworten auf diese Fragen? Den Klimawandel wollen alle bekämpfen, man hört es so oft, dass es einen kaum noch mitreißt. Richtig ist, dass die Wende wohl nur durch Innovationen möglich ist. Aber wir brauchen mehr: eine Rückbesinnung auf Werte, die uns wirklich wichtig sind. Darüber muss sich unsere Wohlstandsgesellschaft klar werden. Daran muss sich Politik orientieren.

Das missglückte Triell

Selten habe ich bekannte Moderatoren so nervös gesehen, wie beim gestrigen Auftritt der Kanzlerkandidaten. Oliver Köhr, seit Mai ARD-Chefredakteur für Politik Wirtschaft und Gesellschaft, und Maybritt Illner fielen sich gegenseitig immer wieder ins Wort, besonders Köhr wirkte unvorbereitet, hektisch drängelnd und wenig souverän. Maybritt Illner zeigte sich in der Rolle einer Ko-Moderatorin ungewohnt unsicher, beide verpassten, dass die Redezeit-Uhr von Olaf Scholz weiter lief, als bereits Annalena Baerbock an der Reihe war, die dann auf den Fehler hinweisen musste.

Die gestellten Fragen waren wenig originell, es fehlten zentrale Themen wie Haushalt, Schulden, Außenpolitik und innere Sicherheit. Viel zu lange wurde über Corona geredet, das Maybritt Illners Hobby zu sein scheint, wie man an der Zahl ihrer Talkshows zu diesem Thema erkennen kann. Konkrete Zukunftsfragen beschränkten sich auf das Thema Klima und die Digitalisierung und brachten altbekannte Antworten. Sicherlich wichtige Themen, aber eben nur ein Ausschnitt aus dem möglichen Themenspektrum. Dass Köhr als erstes wissen wollte, ob Laschet unter einem Kanzler Scholz dienen würde, war eine dümmliche rhetorische Frage, deren Antwort der Fragende natürlich schon kennt, reine Zeitverschwendung. Die üblichen Fragen nach möglichen Koalitionen brachten auch keine Klarheit, nach wie vor ziert sich Olaf Scholz, ein Bündnis mit der Partei Die Linke auszuschließen.

Weder die Moderatoren noch die Kanzlerkandidaten stellten Baerbocks diverse Plagiats- und andere Fehltritte zur Rede. Dass die Grünen-Vorsitzende überhaupt mitdiskutieren durfte, nur weil sie sich selbst als – chancenlose – Kanzlerkandidatin ausgerufen hatte, ist ein Witz. Im Duell zwischen Scholz und Laschet konnte sie sich in der Mitte in ihrer alten Rolle als Klimaaktivistin darstellen und verkünden, dass „auch Verbote Innovationen auslösen können“. Gefehlt hat gerade deswegen der FDP-Vorsitzende Christian Lindner der als einziger Wirtschaftsthemen kenntnisreich ins Gespräch gebracht hätte.

ZDF und ARD präsentierten anschließend jeweils eigene Umfragen (warum eigentlich, hätte man sich nicht die Kosten teilen können?), die „repräsentativ für die Fernsehzuschauer“ gewesen seien. Da macht schon stutzig, dass Scholz bei der ARD-Umfrage 41 Prozent Zustimmung bekam, beim ZDF nur 32 Prozent. Ein so großer Unterschied ist erklärungsbedürftig. Die beiden beauftragten Institute haben bei gleicher Grundgesamtheit jeweils 1500 Bürgerinnen und Bürger ausgewählt, deren Merkmale allen Zuschauern entsprechen. Trotzdem neun Prozent Unterschied bei Olaf Scholz! Solche Blitzumfragen haben sicher Unterhaltungswert, sind aber keine Wahlprognose. Selbst die hohe Zahl von elf Millionen Zuschauern ist nicht repräsentativ für die Bevölkerung. Die Antworten auf die Frage „Wen fanden Sie am überzeugendsten?“ bedeuten keineswegs, dass der Gewinner Kanzler wird.

Ich habe Scholz als einen verärgerten und verunsicherten Kandidaten erlebt, den die Attacke von Laschet schwer genervt hat. Die Körpersprache von Olaf Scholz war eindeutig. Im Fall Wirecard ist ein wichtiges Protokoll nach wie vor von Scholz nicht freigegeben, selbst als Annalena Baerbock noch einmal explizit danach fragte, blieb Scholz die Antwort schuldig, weil Moderator Köhr nicht richtig zugehört und gleich das Thema gewechselt hatte. Dass so viele Zuschauer Scholz am überzeugendsten fanden, muss mit der Grundstimmung der letzten Umfragen zusammenhängen.

Objektiv betrachtet wirkte Scholz angeschlagen und müde, während Armin Laschet frisch und optimistisch auftrat, ohne dass das aufgesetzt schien. Für mich hat er gepunktet. Alles in allem war das aber ein missglücktes Triell, das den Zuschauer ratlos zurücklässt. Note 5 für die Moderatoren. Note 2 für Laschet und Baerbock. Note 4 für Scholz.

Nächste Woche gibt es noch einmal ein Triell in den Privatsendern. Man kann gespannt sein, wie gut die privaten Moderatoren vorbereitet sein werden und welches Themenspektrum sie ansprechen.

Wer hinterfragt Umfragen?

Selten gab es einen solchen Hype an Umfragen vor einer Bundestagswahl wie in diesen Wochen. Nahezu tägliche Umfrageergebnisse haben die Coronazahlen in der Berichterstattung fast überholt. Seit 1980 hat sich die Zahl der Umfragen und die Berichterstattung darüber verzehnfacht, so der Politikwissenschaftler Frank Brettschneider.

Schon früher gab es immer mal wieder die Diskussion, ob Umfrageergebnisse womöglich auch die Wahlen beeinflussen. ZDF und ARD haben sich eine Selbstbeschränkung auferlegt: Sie wollen ab einer Woche vor den Wahlen keine Umfragen mehr veröffentlichen. Warum, wenn nicht zu befürchten wäre, dass Wahlergebnisse davon beeinflusst werden? In Frankreich, Portugal und Italien dürfen Umfrageergebnisse in den letzten Wochen vor den Wahlen überhaupt nicht mehr veröffentlicht werden.

Hinzu kommt, dass die Umfrageergebnisse teilweise erheblich voneinander abweichen, obwohl ja alle Institute behaupten, repräsentativ zu sein. Da kommt dann zum Beispiel heraus, dass die CDU am 7. September bei Forsa 19 Prozent, am 8. September bei Allensbach 25 Prozent und am 9.September bei Kantar 22 Prozent erreicht. Wie kann es sein, dass innerhalb von zwei Tagen so gravierende Unterschiede herauskommen? Sechs Prozent Unterschied sind bei 60 Millionen Wahlberechtigten immerhin 3,6 Millionen.

Ich erinnere mich an Gespräche mit der legendären Publizistin Elisabeth Noelle-Neumann (gestorben 2010), in denen sie sich bitter über unwissenschaftliche Methoden anderer Institute beklagte. Ein Dorn im Auge war ihr dabei vor allem das Forsa-Institut. Sie bemängelte neben der Stichprobenauswahl vor allem, dass bei diesem Institut suggestive Fragen gestellt würden, die die Antworten beeinflussten. Michael Hanfeld von der FAZ hat heute, am 11.September, Berichte von befragten Teilnehmern nach dem Fernsehduell der drei Kanzlerkandidaten veröffentlicht, die Zweifel am Ergebnis („Scholz hat gewonnen“) wecken. Sie waren in einer ersten Befragung angesprochen worden, aber aus der zweiten Befragung herausgefallen. Ihr Meinung wurde also nicht berücksichtigt. Forsa Chef Manfred Güllner behauptet, es habe sich nur um weniger als 1 Prozent der Befragten gehandelt und die Repräsentativität der Blitzumfrage sei dadurch nicht gefährdet. Trotzdem wüsste man gerne, warum Forsa in der aktuellen Sonntagsfrage 19 Prozent für die CDU ermittelt, während Allensbach auf 25 Prozent kommt. Dazu müssten sich Journalisten wohl mit der Relevanz von Bevölkerungs-Stichproben befassen, aber so tief will kaum einer graben.

Vielfach gibt es den Irrglauben, dass eine Befragung von 1000 Menschen automatisch repräsentativ ist. Tatsächlich gilt das ja nur, wenn diese Auswahl den Merkmalen der Grundgesamtheit entspricht. Andererseits kann unter dieser Voraussetzung auch die Befragung von 500 Bürgern repräsentativ sein. Gerd Bosbach, Professor für Statistik an der Hochschule Koblenz zum Deutschlandfunk: „Der normale Bürger hat das statistisch-empirische Hintergrundwissen nicht, und er bekommt es auch nicht beigebracht, weil die, die Meinungsergebnisse bekanntgeben, wollen, dass ihr Ergebnis einfach so auch akzeptiert wird. Die haben gar kein Interesse daran, die Ungenauigkeiten der Ergebnisse, die Verzerrungen der Ergebnisse darzustellen.“

Im Kreuzfeuer der Kritik stehen auch immer wieder Online-Umfragen von Civey und YouGov. Dort rekrutieren sich die Teilnehmer an der Befragung selbst. Das hält laut Deutschlandfunk auch der Duisburger Sozialforscher Rainer Schnell für das entscheidende Problem bei Online-Umfragen: „Selbst rekrutierte Personen unterscheiden sich nach den Untersuchungen in der Psychologie systematisch wie Freiwillige von Nicht-Freiwilligen, und das heißt, die sind im Durchschnitt ein bisschen jünger, ein bisschen intelligenter, ein bisschen sozialer, ein bisschen neurotischer.“ Man muss sich wundern, dass renommierte Medien wie der Spiegel trotzdem mit Online-Instituten zusammenarbeiten – wahrscheinlich, weil sie viel billiger als klassische Institute sind. Civey verweist auf seiner Website darauf, dass die im Internet gewonnenen Teilnehmer am Ende eines Auswahlprozesses entsprechend der amtlichen Demografie qualitativ und quantitativ gewichtet werden, und so die Repräsentativität gesichert sei. Das kann man glauben oder nicht, am Ende werden die Wahlen selbst zeigen, ob diese Art von Umfragen funktioniert.

Ein systematisches Problem bei Wahlumfragen ist die Berücksichtigung der hohen Zahl unentschlossener Wähler, derzeit noch etwa ein Viertel aller Wahlberechtigten. Somit können auch die Umfragen in diesem Jahr schwer daneben liegen., wenn sie die SPD nun vor der CDU sehen. Die Aufholjagd von Olaf Scholz in den Umfragen könnte sich als Fata Morgana erweisen, wenn die Unentschlossenen am Wahltag ihre Stimme abgeben, zumal er zunehmend in der Kritik seiner Verantwortlichkeit als Finanzminister für Wirecard, Cum-Ex-Skandal und neuerdings der Geldwäsche-Aufsicht steht. In den letzen Jahren lagen Umfragen gleich dreimal vollkommen daneben: Bei der Volksabstimmung über den Brexit, der Wahl des US-Präsidenten und bei den Wahl in Sachsen Anhalt.

Ich habe gestern meine Briefwahlstimme abgegeben. Das heißt, zwei Wochen vor der Wahl habe ich mich festgelegt: Mein zentrales Motiv: Ich will keine Steuererhöhungen und keine weitere Umverteilung. Das versprechen nur zwei Parteien. Damit hat der Wahlkampf ab jetzt keinen Einfluss mehr auf meine Wahlentscheidung. Der Anteil der Briefwähler bei Bundestagswahlen ist von 18,7 Prozent (2005) auf 28,6 Prozent (2017) gestiegen. Für 2021 erwartet der Bundeswahlleiter Georg Thiel einen weiteren „erheblichen Anstieg“ wegen Corona. Das sind die Entschlossenen. Nun kommt es auf die Unentschlossenen an. Wollen wir hoffen, dass sie sich nicht allein durch Umfragen beeinflussen lassen. Inhalte sind wichtiger als Umfragen.