Die Inflation ist wieder da – und jetzt?

Lange haben wir die von niedrigen Zinsen begleiteten, kaum spürbaren Inflationsraten für selbstverständlich gehalten. Nun sind sie innerhalb weniger Monate von unter zwei auf über vier Prozent gestiegen. Die Ökonomen der Commerzbank erwarten jetzt sogar die fünf vor dem Komma. Inflation entsteht, vereinfacht gesprochen, entweder durch zu hohe Nachfrage oder durch zu hohe Kosten. Knappheit ist das entscheidende Momentum.

Konnte man bis jetzt die preisdämpfende Coronakrise und die zeitweise gesenkte Mehrwertsteuer für das überraschend hohe Roll Back der Preise als vorübergehende Phase verniedlichen, scheint die Inflationsrate jetzt weit über diese Phase hinauszuschießen. Wenn globale Lieferketten gestört werden und Rohstoffpreise stark anziehen, ist Gefahr im Verzug. Steigende Preise für Rohstoffe und steigende Großhandelspreise sind die Vorboten jeder Inflation.

In der klassischen Ökonomie ist ein stabiles Preisniveau das Ergebnis von funktionierendem Wettbewerb, gemäßigter Lohnpolitik und ausreichender Rohstoffversorgung, hinzu kommt der technische Fortschritt, der immer preisdämpfend wirkt. Das hat in den vergangenen Jahren gut funktioniert. Wenn die Kosten aber durch exogene Faktoren geradezu explodieren – wie 1973 bei dem durch ein Ölkartell ausgelösten ersten Ölpreisschock – dann stimmen diese Mechanismen nicht mehr.

Die plötzliche Chipkrise, die zahlreiche Produktionszweige getroffen hat, kann nicht mit Corona erklärt werden. Unter anderem werden Hamsterkäufe chinesischer Produzenten dafür verantwortlich gemacht, die sich um amerikanische Sanktionen sorgen. Die letztlich durch staatliche Eingriffe gestiegenen Energiepreise sind eine politische Antwort auf die Klimakrise, sie sind nicht vom Himmel gefallen: Höhere Stromkosten, die Teuerung bei Benzin, explosionsartig gestiegenen Gaspreisen (wo Russland seine Finger im Spiel zu haben scheint), die CO2-Abgabe als weiterer Inflationstreiber. Die um über 40 Prozent gestiegenen Kautschukpreise für die Herstellung von Reifen zeigen, wie schnell Rohstoffpreise steigen können, wenn dahinter kein Wettbewerb, sondern vermutlich internationale Kartelle stehen. (Vor einigen Jahren hat die EU-Wettbewerbsbehörde eine Kartellstrafe von über 500 Millionen Euro für Preisabsprachen bei Kautschuk verhängt). Und nicht zu vergessen die Mieten, die nicht wegen kapitalistischer Exzesse, sondern durch zu geringe Bautätigkeit in den Kommunen einen immer höheren Anteil im Haushaltsbudget der Bürger erfordern.

Nun kommen noch Corona-Hilfsprogramme ins Spiel. Brüssel hat unter dem Namen „NextGenerationEU“ einen 750-Milliarden-Fonds als Antwort auf die Corona-Pandemie beschlossen, der zur Modernisierung der Infrastruktur in den Mitgliedsländern eingesetzt werden soll. Das ist nichts anderes als ein Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft. Doch die hat bereits voll ausgelastete Kapazitäten. Die Folge werden weitere Preiserhöhungen sein, die die Inflation zusätzlich anheizen.

All diese Entwicklungen sind zutiefst beunruhigend. Wenn die Europäische Zentralbank zu dem Schluss kommen sollte, die Zinsen anzuheben, um die Inflation zu bremsen, könnte das fatale Folgen haben. Deshalb zögert die EZB immer noch mit entsprechenden Schritten. Steigende Zinsen werden zu einem Crash auf dem Anleihenmarkt führen, denn die Kurse der Anleihen fallen bei Zinserhöhungen. Pensionskassen und Lebensversicherungen, die gezwungenermaßen größtenteils in Anleihen investiert sind, müssen riesige Abschreibungen vornehmen. Im privaten Bereich werden Baukredite teurer. Billig aufgenommene Kredite müssen am Ende der Laufzeit in teurere Kredite umgeschuldet werden, was viele Haushalte treffen wird. Es hilft dann auch nicht viel, wenn das Sparbuch wieder Zinsen abwirft, solange die Inflation höher ist als die Zinsen.

Die Ursachen der Inflation sind überwiegend politisch veranlasst und nicht durch überschießende Nachfrage oder zu hohe Lohnkosten zu erklären: Die deutsche Energiewende, die Auseinandersetzung zwischen China und den USA, der russische Einfluss auf die Gaspreise und mehr. Die EZB kann die Politik nicht verändern, das müssen schon die Regierungen tun. Die Folge könnte sonst eine Rezession sein, die sich gewaschen hat. Kommt eine Rezession, wird es auch schwierig, die Klimaziele zu erreichen. Ohne Wachstum und Innovation bleibt ein CO2-Neutrales Deutschland ein schöner Traum. Wer immer die neue Bundesregierung anführt, er muss sich als erstes um die Bekämpfung der Inflation kümmern und dazu wirksame Strategien entwickeln. Man sollte ein Expert:innen-Gremium einberufen, das die politischen Ursachen für die Inflation identifiziert und dazu Vorschläge entwickelt. Das wird die schwierigste Aufgabe der künftigen Koalition werden.

Veröffentlicht von Ralf-Dieter Brunowsky

I am a Journalist, publisher and PR-Consultant homepage: www.brunowsky.com Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ralf-Dieter_Brunowsky Blog: www.brunowsky.de (with bad but readable google-translation in most languages) ABOUT THE FOUNDER: 2002 till today: Publisher and PR Consultant, best connected to Germany´s financial and business media. Building up credibility, Branding, Reputation PR, Crisis communication, Media relations, 1991 to 2001 Editor in Chief of Germany´s leading financial magazine CAPITAL (monthly). 1989 to 1991 managing editor of entrepreneur magazine IMPULSE (monthly). 1980 to 1989 correspondent and managing editor of Germanys WIRTSCHAFTSWOCHE (weekly) 1977 to 1979 political editor of newspaper Berliner Morgenpost 1975-1977 managing director of a local retail organisation in Berlin 1969 to 1975 Technische Universität Berlin (Diplom-Volkswirt) 1968 to 1969 German Navy (Bundesmarine)

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